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Der nachfolgende Artikel ist in der Zeitschrift "praxis" (Heft 90) erschienen. 

Die Zeitschrift "praxis - mitarbeiten in der Gemeinde" finden Sie hier zum Download im PDF-Format.

Wenn das Gemeindeprogramm Gemeinde verhindert

Wenige Mitarbeiter in Gemeinden bedienen viele. Und nur wenige Menschen werden von der Gemeinde erreicht. Gründe gibt es viele, entscheidend: Ein Programm, das Gemeinde verhindert. Eine Polemik

Von Oliver und Sabine Schippers

 

Eine Weisheit der Dakota-Indianer sagt: +Wenn du entdeckt hast, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab.*

Nun ja, die Dakota-Indianer, gibt es sie überhaupt noch? Falls ja, können es nicht sehr viele sein, und sie werden zuge­ben müssen: Der weiße Mann hat sie besiegt. Weil er stärker war und ist und natürlich auch klüger, intelligente; effizienter.

Entdeckt ein weißer Mann, dass er ein totes Pferd reitet, steigt er daher noch lange nicht ab, denn er lebt vom Pferd, hat Familie und ist für den Stallknecht und verschiedene andere Arbeitsplätze verantwortlich. Also kann die Lösung nur lau­ten: weiterreiten. Mach dich zum Vorreiter, sagt er sich, werde die Nummer eins unter den Reitern toter Pferde, nutze das da­mit gewonnene Know-how, um die Marktführerschaft anzu­streben.

Der Profi wird sich daher zunächst eine stärkere Peitsche besorgen und Extrafutter bereitstellen, um die Leistung des Pferdes zu erhöhen. Wenn das nicht sofort hilft, setzt er eine Enquête-Kommission ein, gibt eine vergleichende Studie über andere tote Pferde in Auftrag, veranstaltet ein Hearing über totgesagte Pferde, entwickelt parallel dazu eine Strukturre­form, um das Pferd kampagnenfähig zu machen, und bildet eine Task-Force-Group für die Wiederbelebung des Pferdes. Anschließend wechselt er den Reiter, eröffnet im Internet eine Homepage unter der Adresse www.reiten.totpferd.de und gründet eine Newsgroup für Reiter toter Pferde.

Hilft auch das nicht, ist der Profi noch lange nicht am Ende und verbessert die Öffentlichkeitsarbeit, indem er den Begriff +Tod* neu definiert und sagt: Unser Pferd ist quicklebendig, und andere Pferde sind viel toter. Er initiiert eine Kampagne in Political Correctness mit dem Ziel, den Begriff +totes Pferd* als diskriminierend aus dem Gebrauchswortschatz zu verbannen und es durch den Begriff +temporarily handicaptured horse* zu ersetzen.

Vielleicht lässt er auch spektakulär mehrere tote Pferde zu­sammenschirren, damit sie schneller werden. Dafür muss er in­dische Spezialisten anwerben, die sich dank jahrzehntelanger Meditation auf das Reiten zusammengeschirrter toter Pferde verstehen. Führt auch das nicht zum gewünschten Erfolg, wird er die Leistungsstandards für Pferde senken und schrittweise an die Leistungsfähigkeit toter Pferde anpassen. Danach kann er die letzten seiner Kritiker zum Verstummen bringen, indem er sagt: Was wollen Sie, wir sind längst am Ziel. Wir brauchen das Pferd gar nicht. Wir brauchen überhaupt nie mehr ein Pferd.[1]

Stellen sie sich vor, am kommenden Montag fällt der Gebetsabend aus. Am Dienstag findet kein Hauskreis statt und am Mittwoch wird keine Besprechung für den all sonntäglichen Kindergottesdienst sein. Die für Donnerstag geplante Sitzung des Vorbereitungsausschusses für den Gottesdienst „mal anders“ ist abgesagt worden und am Freitag fällt der Kirchenvorstand aus. Der Referent des Mitarbeiterseminars für Samstag ist krank geworden und sie können doch den geplanten Familienausflug machen. Kann es sein, dass in dieser Woche ihre Beziehung zu Gott nicht schlechter geworden oder vielleicht sogar gewachsen ist? Wenn sie diese Frage mit „Nein“ beantworten, dann lesen sie bitte nicht weiter! Sie brauchen das Gemeindeprogramm wie andere ihren Verein.  Sollten sich jedoch irgendwann, die Anzeichen für einen Burnout bei ihnen oder anderen Gemeindemitarbeitern mehren, ist vielleicht die Zeit gekommen, sich einmal mit diesen Fragen zu beschäftigen.

Wenn sie aber spüren, dass das gemeindliche Programm sie eher von ihrer Beziehung zu Gott, von Beziehungen in ihrer Familie, zu ihren Nachbarn oder auch zu Freunden aus der Gemeinde abhält, dann stellen sie das Programm doch einmal in Frage, selbst wenn es sie nicht an jedem Wochentag fordert!

Regelmäßig werde ich bei Seminaren in Gemeinde gefragt, an welcher Stelle in der Bibel von Gemeindeberatung, Gemeindeanalysen, Gabenseminaren u.ä. die Rede ist. Dass sie darüber nichts im Buch der Bücher finden, erschwert  einigen „bibeltreuen“ Christen den Nutzen solcher Dinge für ihre Gemeinde nachzuvollziehen. Erschreckenderweise gibt es aber auch keine Bibelstelle, die uns zum Frauenkreis, zur Bibelstunde, zur Jugendgruppe, zum Kirchenchor (inklusive Lobpreisband) und den vielen anderen Kreisen (sich im Kreis drehenden Kleingruppen) auffordert. Und je mehr ich meine Bibel lese, um so unsicherer werde ich, ob die Form, wie wir Gottesdienst feiern, wirklich eine ist, die Gott segnet.(Alle modernisierten Formen, die sich momentan in unserem Land entwickeln, eingeschlossen.) Zu oft erlebe ich Pfarrer, Prediger, Lobpreisleiter und andere Gottesdienstgestalter, denen die Kraft ausgeht. Kann ein solcher Burnout (Ausbrennen) nicht im Zusammenhang damit stehen, dass „die Reben nicht am Weinstock sind“. „Die verdorrten Triebe gesammelt, ins Feuer geworfen und verbrannt werden“[2]?

Gemeinde bedeutet Leib Jesu in unserer Straße, Stadt, Dorf zu sein. Gemeinde ist ein Ereignis, dass sich aus der Hingabe an Gott, der authentischen Gemeinschaft der Christen und dem geführten Engagement in ihrem unmittelbaren Umfeld ergibt. Wenn die Art, wie wir meinen, Gemeindeleben gestalten zu müssen, uns eher vom Eigentlichen abhält, dann könnte das möglicherweise bedeuten, dass wir auf dem „Holzweg“ sind. Wir arbeiten in dem stillen Vertrauen darauf weiter, dass Gott immer mit uns ist und feiern spärlich erlebten Segen als große Erfolge.

Mindestens 95 Prozent aller Deutschen verstehen Kirche allenfalls noch als Dienstleister für spezielle Anlässe, nicht jedoch als Gemeinschaft von Menschen mit einer lebendigen Beziehung zum VATER und untereinander. Gibt uns das nicht zu denken? Das Modell, nach dem seit Jahrhunderten Gemeinde gelebt wird, ist kein Wachstumsmodell. In Zeiten, in denen man Christentum „von oben“ verordnen konnte, wurden christliche Werte in der Gesellschaft gelebt. Kirche gehörte zur Kultur! Und heute stehen viele Gemeinden in der Gefahr, unheimlich viel Kraft und Geld in das Erhalten dieser Kultur zu investieren (vielleicht auch in Maßnahmen, um die religiöse Kultur an das veränderte Umfeld anzupassen).

In all dem geht Gemeinden (bzw. ihren Mitarbeitern) immer mehr die Kraft aus. An dem Ort der Hoffnung, zu dem Gott Gemeinde bestimmt hat, machen sich Depressionen breit. Selbst Mitarbeiter von Gemeinden, in denen alles bestens zu laufen scheint, müssen ab und zu mal raus und erholen sich dann einige Monate weit weg von ihrer Gemeinde (Indien und U.S.A werden hier besonders empfohlen).

Schließen sie doch einmal für einen Moment die Augen und stellen sie sich vor, ihre Gemeinde stellt ihr Programm ganz ein! Was bliebe von ihr übrig, wenn sie über kein Haus mehr verfügt, ohne Strom auskommen müsste und ohne Treibstoff fürs Auto? (siehe Neues Testament) Für die Mekane-Yesu-Kirche in Äthiopien war z.B. die Zeit nach der Konfiszierung ihrer Gebäude und Inhaftierung ihrer Geistlichen eine des schnellsten Wachstums.

Doch Vorsicht! Dies ist kein Aufruf, es einfach den neutestamentlichen Gemeinden oder anderen erfolgreichen Gemeindeformen nachzutun. Betreiben sie stattdessen  Ursachenforschung und fragen sie mit aller Offenheit und Bereitschaft nach Gottes Willen.

Ein erster Schritt auf diesem Wege könnte das Fasten als Gemeinde sein. Mit Fasten meine ich das Lassen einer Tätigkeit, die man als normalerweise notwendig erachtet und gewohnheitsmäßig tut, um sich bewusst für Gott zu öffnen. Nachdem in den vergangenen Jahren viele einzelne Personen für Erweckung weit mehr als nur eine Woche gefastet haben (nicht an Schokolade, Fernsehen oder anderen überflüssigen Dingen!), scheint mir jetzt das Fasten als Gemeinde ein wichtiger Schritt zu sein. Gott will uns wegbringen von unseren guten und oft professionellen Programmen! Er will uns befreien von Gemeinde, damit wir frei werden zu lebendigen Beziehungen mit ihm, untereinander und zu unseren Nachbarn, Mitschülern, Arbeitskollegen, Verwandten ..., d.h. frei werden, um als Gemeinde zu leben. Ich bin überzeugt, dass eine solche Gemeinschaft  Kraft hat, dass von dieser Gemeinde Hoffnung ausgeht und sie Zeichen setzt in einer Welt, die vielen Zusammenbrüchen, persönlich, wie global entgegengeht.

Und der zweite Schritt? Es gibt auf diesem Weg kein erstens, zweitens, drittens. Werden sie still  vor Gott, suchen sie sein Angesicht und betrügen sie sich nicht dadurch, dass sie bestimmte Wege und Möglichkeiten, weil ungewohnt und unvorstellbar, von vornherein ausschließen!

Ich weiß nicht, was Gott genau zu ihnen sprechen wird, aber ich erwarte, dass es aufregend, liebevoll und anders ist, als sie erwarten.  In vielen Fällen wird es Veränderungen bedeuten, die nicht leicht fallen, aber das weiß auch unser Vater im Himmel. Vertrauen wir ihm, dass er wenigstens genau so liebevoll mit uns umgeht, wie sein Sohn mit den Pharisäern – und sich ihren Fragen selbst Nachts stellt (Johannes 3). Konzepte, Hilfen, Checklisten, Programme und 7,10 oder 12-Schritte gibt es zur Genüge. Sie alle können unterstützen, aber nicht ersetzten was der Geist ihrer Gemeinde sagt.

Wenn man mit dem Auto eine lange Strecke geradeaus gefahren ist, und plötzlich kommt eine Kurve, dann ist das, was man bisher getan hat, plötzlich nicht mehr richtig. Wir sind sehr lange geradeaus gefahren ...

[1] Vorwort aus Christian Nürnberger: Kirche wo bist du? (DTV München 2000)

[2] Lk. 15,6 nach Hoffnung für alle